Der lange Weg zur Aussicht

Eine der Maya-Ruinenstädte, die wir angesehen haben, wird uns in besonderer Erinnerung bleiben. Das liegt vor allem an der Art, wie wir da hingekommen sind.

Der Aufstieg ist schweißtreibend. Auf dem sehr steilen Pfad finden die Füße ein wenig Halt an wackligen Holzleisten und auf blanken Steinen. 55 Meter über dem Dschungelboden enden die Stufen. Bei dem angenehmen Lüftchen, das hier oben weht, werden die 37 Grad fast erträglich. Bäume und Grün, so weit das Auge reicht, sind zu sehen. Wir haben el Tigre erklommen. Der Tiger heißt der Berg, der aber gar keiner ist. Es sind die vom Urwald überwucherten Reste eines sehr alten Mayatempels. In der Umgebung ragen noch ein paar bewaldete Hügel aus der Ebene. Darunter verbergen sich die anderen Pyramiden der einst riesigen Mayastadt, die el Mirador genannt wird, der Aussichtspunkt. Und die Aussicht ist wirklich phantastisch, vor allem wenn die Sonne gerade untergeht. Still ist es aber nicht. Die Brüllaffen geben an ihren Reviergrenzen ein enorm lautstarkes Abendkonzert. Kleinere grüne Papageien schwirren laut zeternd durch die Luft. Unter dem menschlichen Urwaldhügel sind Tukane zu hören, irgendwo in den Blättern versteckt.


El Mirador ist für uns etwas ganz besonderes. Mit Taxi, Linienbus, Colectivo, Boot, Mietauto, Fähre, Touristenbus oder eine halbe Stunde Spaziergang – wir haben nun schon ein gutes Dutzend Mayastätten besucht. Diese hier sticht aber heraus und wird uns garantiert in lebhafter Erinnerung bleiben. Hier kommt man nur zu Fuß hin (oder mit dem Helikopter). Vom letzten Dorf am Dschungelrand, Carmelita, sind es zwei Tagesmärsche hin und zwei zurück, dazu kommt noch ein Tag, an dem wir durch die weitläufige Anlage geführt werden. Mehr als 90 Kilometer haben wir danach in den Beinen.

Das letzte Foto vorm Abmarsch.

Das Abenteuer fängt schon kurz nach Flores an, wo wir die Nacht im Hotel waren. Aus der Asphaltstraße gen Carmelita wird erst eine Schotterpiste und dann … ja, wie soll man das nennen? Ein übler Feldweg mit riesigen Schlaglöchern und Querrillen. Dort schaukeln ganz langsam sogar Busse lang, die gar nicht so aussehen, als könnten sie überhaupt noch fahren. Irgendwann sind wir drei Wanderer dann doch da. Zu uns beiden hat sich noch José gesellt, eine junge Holländerin. Ohne ein typisches Frühstück können wir natürlich nicht loslaufen: Rührei mit Schinken, Mus aus schwarzen Bohnen und frisch gebackene Tacos. Dann bringt uns Abél, unser lokaler Guide, zu den beiden Maultieren. Sie sind mit Vorräten für fünf Tage und den Sachen beladen, die wir beim Wandern nicht brauchen. Auf dem Vorderen sitzt schon Suzanna, die uns als Herrin der primitiven Holzöfen unterwegs aufs köstlichste versorgen wird.

Hinter den Planen versteckt sich das Plumsklo.

Auf den 19 Kilometern bis zum ersten Camp geht es sehr zügig und schweigsam zu: jeder hängt beim Laufen wie in Trance seinen Gedanken nach. Bei der schwülen Hitze, die trotz Trockenzeit herrscht, haben wir ganz schön zu tun, mit Abél auf den fast ebenen Wegen Schritt zu halten. Er läuft diese Strecke ja auch drei bis vier Mal im Monat. Nach fünf Stunden mit zwei Pausen stehen wir im Camp: etliche mit schwarzen Plastikplanen abgedeckte Konstruktionen aus Stämmen, unter denen sich Waschplätze mit Wassereimern, Toiletten oder unsere Zelte ohne Außenhülle verbergen. In der festeren Konstruktion mit Palmwedeldach sind Esszimmer und Küche. Uns beeindruckt vor allem der Ofen: aus Zement aufgeschichtete Wände mit einer Stahlplatte darüber und drunter glimmen heftig qualmend Tropenhölzer. In den Töpfen zischen Reis, Bohnen und Hühnerbeine oder das Kaffeewasser.

Das Abendessen müssen wir uns aber erste verdienen. „¡Vamos!“, Abél jagt uns noch einmal los. Zum Glück nur zehn Minuten vom Zeltplatz weg liegt el Tintal, eine kleine, noch kein bisschen ausgegrabene Ruinenstadt. Wir klettern auf den größten der Hügel und erleben unseren ersten Sonnenuntergang überm Dschungel. Am Horizont ragen schon die Hügel aus dem Blätterdach, die wir am nächsten Tag erreichen wollen. Kurz nach 6 wird es Nacht – und ein unglaublicher Sternhimmel leuchtet durch die Bäume. Keine zwei Stunden später sind wie satt und geschafft genug, um in die Zelte zu kriechen.

Frühes Frühstück mit Rührei, Bohnenmus, Tacos und Pulverkaffee.

Beim ersten Morgenlicht kurz vor 6 ruft uns der bereits hellwache Abél zum Frühstück (wie immer Rührei, Bohnen, Tacos). Dann geht es los auf die 24 Kilometer bis el Mirador. Heute folgen wir dem Camino blanco, den weißen Weg. Der zeigt uns, welche Blüten der Bau-Wahn der Maya vor 2500 Jahren getrieben hat: von el Tintal bis el Mirador (deren Mayanamen weiß niemand mehr) führte eine bis zu 30 Meter breite und bis 6 Meter über das Gelände aufragende helle Straße. Sie war mit Kalksteinen gepflastert und einer Art Zement auf Grundlage gebrannten Kalks geglättet. In der Gegend, wo heute Guatemala an Mexiko und Belize grenzt, gab es höchstwahrscheinlich das allererste Straßensystem der Welt, das auf einer Länge von 240 Kilometer die verschiedenen Mayastädte miteinander verband. Jetzt ist alles überwuchert. Nur ein paar weiße Kalksteine erschweren das Laufen auf dem ausgetrockneten Waldboden.

(für Kolja)

Nach sechs Stunden und viel Schweiß laufen wir im Camp ein, das um einen der früheren Hauptplätze el Miradors errichtet wurde, ähnlich dem die Nacht davor. Hier, noch weiter drin im Urwald, sehen wir noch mehr Tiere: zwei Arten Affen, balzende Pfauentruthähne, Spechte, Tukane, Eidechsen, Füchse, Nasenbären, buntschillernde Vögel … nur den sagenhaften Jaguar kriegen wir natürlich nicht zu sehen. Weil wir so oft fragen, zieht uns Abél schon damit auf. Mehr als die Kratzspuren seiner Krallen am (Katzen)Baum kann er uns nicht anbieten. Was er uns aber zeigt, ist der nächste spektakuläre Sonnenuntergang aus 55 Metern Höhe, vom el Tigre. Das höchste Bauwerk besteigen wir erst morgen, tröstet uns Abél grinsend, als wir uns oben den Schweiß abwischen. Wie schon geschrieben: der Aufstieg lohnt sich. Nicht nur wegen Sonnenuntergang und Brüllaffen. In der gigantischen Stadt, in der einst zehntausende Maya lebten, sind jetzt höchsten 15 Menschen – und wir genießen die Einsamkeit des Ortes, dem Archäologen eine ganz besondere Rolle zuordnen: Es war wohl das Zentrum des ersten Staatsgebildes in Mesoamerika, also zwischen Mexiko und Panama.

Der dritte der fünf Wandertage steht unter dem Motto der nicht ganz so kilometerintensiven Erkundung von el Mirador. Ich will euch jetzt nicht mit Fakten langweilen. Nur die zu einem Bauwerk kann ich mir nicht verkneifen: la Danta (der Tapir) wird die um 400-300 vor Christus gebaute, mehrstufige Tempelpyramide genannt, die mit 72 Metern eine beeindruckende Höhe hat, aber wegen der Bäume weniger Aussicht. Was noch verblüffender ist: mit errechneten 2,8 Millionen Kubikmetern Gestein im Inneren ist das Teil noch größer als die Cheopspyramide nahe Kairo, die „nur“ mit 2,5 Millionen Kubikmetern Gestein gefüllt ist.

Immer wieder entdecken Archäologen Spektakuläres.

Zu entdecken gibt es in den Dutzenden, womöglich hunderten Gebäuden von el Mirador aber noch viel mehr. Da die Archäologen nur selten hier arbeiten, schleichen wir uns unter ein nur ein bisschen abgesperrtes Schutzdach, um die kürzlich gefundenen, zwei Meter hohen Stuckreliefs anzusehen, an denen noch die 2500 Jahre alten Farben zu sehen sind. Um etwa das Jahr 150 unserer Zeit wurde el Mirador verlassen. Warum, wissen die Ausgräber nicht. Ein paar hundert Jahre später kamen jedenfalls neue Maya-Gruppen mit neuem Baustil und verwandelten die alten Tempel in Wohn- und Verwaltungsbauten für Gouverneure neuer Reiche.

Kurz vor Mittag am fünften Tag unserer Tour klatschen wir uns am ersten Haus von Carmelita ab: Wir haben es geschafft – und wir sind stolz auf uns: 86 Kilometer reinen Weges plus noch einige in el Mirador haben wir trotz ganz schöner Hitze und Abéls Tempo glücklich überstanden. Nach einem frühen Mittag werden wir nach Flores zurück gefahren, einem sehr hübschen und touristischen Ort auf einer Insel im Petén-See. Auch wenn es uns zuerst nicht leicht fällt, wieder im Trubel zu stecken, ruhen wir uns jetzt erst mal aus. Dann sehen wir weiter, welches Highlight in Guatemala als nächstes dran ist.

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