Die bunte Seite von Bogotá

In Kolumbiens riesiger Hauptstadt schließen wir uns einem speziellen Stadtrundgang an und kommen dabei zwei ihrer vielen, in dem Fall kreativen Seiten näher.

Nehmt ja nicht so viel Kokain!“ Solche Warnungen haben wir von Freunden öfter gehört, als wir bei unserer Reiseroute Kolumbien erwähnt haben. Das Bild, das von dem Land bei uns existiert, rührt vor allem von den Nachrichten über Drogenbarone wie Pablo Escobar her. In dem südamerikanischen Land gibt es zwar noch immer Probleme mit Drogen, aber sie bestimmen bei weitem nicht das Leben – und überhaupt nicht unser Erleben. In Vierteln abseits der Touristenpfade sehen wir zwar beim eher Aus-Versehen-Durchlaufen einige Drogenabhängige, mehr aber auch nicht. Allerdings meiden wir die südlichen Stadtviertel, die nicht nur für Touristen viel zu gefährlich sind. In vielen Gegenden der Acht-Millionen-Stadt sieht es nicht viel anders aus und fühlt es sich für uns nicht viel anders an als in europäischen Großstädten.

Doch in einem Punkt zeigt sich die Metropole für uns ganz anders: An fast jeder Mauer und an vielen Häuserwänden prangen riesige bunte Bilder. Die Menge an Graffiti in Bogotá fällt uns schon bei der Fahrt vom Flughafen zum Hostel auf. Was liegt da also näher, als der Sache mal auf den Grund zu gehen? Wie gerufen kommt uns da die Info, dass es eine Stadtwanderung zu genau dem Thema gibt. An einem grauen Morgen lässt uns der Taxifahrer am Platz der Journalisten raus, wo der zweieinhalbstündige Rundgang startet. Jay, ein in New York aufgewachsener Kolumbianer, der seit zehn Jahren zurück ist, stellt sich als unser Stadtführer vor. Er kündigt einen zweigeteilten Spaziergang an: sehr politische Graffiti, die sich in Vierteln außerhalb der touristischen Altstadt finden und dann im alten Teil die eher künstlerischen Wandmalereien.

Besonders stolz ist Jay, dass Bogotá mittlerweile in puncto Graffiti zu den Top-10 Städten weltweit zählt und immer mehr ausländische Künstler sich hier verewigen – bis ihre Werke wieder übermalt werden. Für die vielen Graffiti hier gibt es vor allem zwei Gründe: Geschäftsinhaber bitten Sprayer geradezu, sich an den Wänden ihrer Häuser zu schaffen zu machen. So heben sie sich von der Konkurrenz ab und locken Menschen, die vor den knallbunten Läden stehen bleiben – dass unterscheidet diese Stadt auch von den europäischen. Der andere Grund ist kein so netter. Vor acht Jahren ist ein 16-Jähriger von Polizisten erschossen worden, als er unter eine Brücke gesprüht hat. Um das zu vertuschen (Graffitikünstler genießen in der Bevölkerung ein recht hohes Ansehen), wurde dem Toten eine Pistole in die Hand gedrückt und ein Busüberfall untergeschoben. Erst nach jahrelangen Kampf erreichten die Eltern eine Anklage. Seither ist der Todesschütze auf der Flucht.

Das Rote Kreuz sponsort Graffiti, die sich mit den seit dem Bürgerkrieg Vermissten befassen.

Um weitere Eskalationen zwischen Polizei und Sprühern zu verhindern, darf fast jeder legal malen, wenn er eine leere städtische Fläche nachweisen kann und einen Antrag stellt. Oft schließen sich dann weitere Graffitikünstler an und Anwohner spenden Geld für Farbdosen oder bringen Essen vorbei. So viel Unterstützung erfahren aber einige der Künstler niemals. Das sind die, die im Schutz der Dunkelheit heimlich mit Spraydosen oder Farbeimern losziehen, um ihre politischen Botschaften sichtbar zu machen. Und solche Mitteilungen gibt es viele in Bogotá. Das hat vor allem mit dem mehr als 50 Jahre tobenden blutigen Bürgerkrieg zu tun, der erst vor ein paar Jahren ein zumindest vorläufiges Ende gefunden hat. Auch wegen mangelnder Aufarbeitung vor allem auf staatlicher Seite und steigender Unzufriedenheit bei der indigenen Bevölkerung schwelt der Konflikt noch immer. Da gibt es reichlich Stoff für zum Teil sehr intelligente Graffiti.

Von den Wand- und Bauzaun-Malereien im alten Stadtkern haben wir am Vortag schon einige im Vorbeigehen gesehen. Da hat uns Anne die Gegend gezeigt, eine aus Dresden stammende und seit Jahren hier mit ihrer Familie lebende Freundin. Die stellt uns aber nicht nur nette Cafés und gute Restaurants vor, sondern nimmt uns mit zu einer Fotoausstellung. Ein kolumbianischer Fotograf hat jahrelang den Krieg zwischen Militär, Paramilitär und dutzenden Rebellengruppen begleitet, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Die künstlerisch richtig guten Bilder machen die gezeigten, sehr heftigen Situationen noch bedrückender. Wir, die wir im fernen Deutschland nur wie nebenbei mal Nachrichten von diesem Bürgerkrieg mit 300.000 Toten gehört haben, haben bei der Führung zu den politischen Graffiti zumindest eine Idee, worum es bei deren Botschaften geht.

Nur diese Wand vom Park sollten die Künstler gestalten.

Im strömenden Regen schließen wir mit Jay den Rundgang an einem am Hang gelegenen Platz ab, auf dem es ein Beton-Fußball- und ein Basketball-Feld, Halfpipes, sowie einen großen Grill- oder Tanzplatz gibt. Ein paar Graffitikünstler hatten von der Stadt den Auftrag, die Außenmauer zu gestalten. Das taten sie auf sehr künstlerische Weise mit mystischen Elementen der Indios, die früher dort lebten, wo heute Bogotá ist. Allerdings gaben sich die jungen Leute nicht damit zufrieden. Sie nahmen sich all die vielen Mauern und Treppen vor, die der Platz reichlich bietet. Allerdings reichten dafür die Farbdosen bei weitem nicht, die sie von der Stadt bekommen hatten. Damit der Platz an einem Wochenende besprüht werden konnte, bevor es die Kommune am Montag verhindern konnte, haben sich viele andere Sprayer aus der gut vernetzten Szene in Bogotá eingeschaltet, gleich Farbe vorbeigebracht oder Geld für neue Dosen gesammelt. Am Sonntag stockte dann die künstlerische Arbeit, weil so viele Anwohner gekommen sind, dass es ein Grillfest wurde. Fertig und richtig schön ist der Platz in der Altstadt aber trotzdem geworden. Den zeigt uns Jay auch als Symbol, dass es für junge Leute noch ganz anderes gibt als Drogen: Kunst und Sport. Und wie zur Bestätigung kicken ein paar nicht gerade harmlos aussehende Jungs im Regen lautstark Fußball.

Eine Gegend der riesigen Stadt, die wir nicht gesehen haben, hat durch einen Ausländer unbeabsichtigt besonders positive Bedeutung für die Graffiti-Szene erlangt, erzählt uns Jay noch als Abschlussgeschichte. Einmal ist der Sänger Justin Biber für ein Konzert nach Bogotá gekommen. Auf dem Weg in die Stadt hat er einen jungen Mann gesehen, der ein Bild an eine Wand gesprüht hat. Sich so verewigen wollte Biber auch gern. Also rückte er am nächsten Tag mit eigenem Filmteam, großem Polizeiaufgebot und Spraydosen an. Keine halbe Stunde später war die Aktion Topthema in allen kolumbianischen Nachrichten.

Bei den Menschen hat vor allem der Polizeischutz bei der Aktion heftige Kritik ausgelöst, nachdem zuvor ein einheimischer Sprayer von Uniformierten erschossen worden war. Nach ein paar Tagen sah sich der Polizeipräsident dann genötigt, eine Erklärung abzugeben. Dabei rechtfertigte er den Einsatz mit Bibers Recht, sich selbst zu verwirklichen. Das Argument ließen sich die Sprayer der Stadt natürlich nicht entgehen. Dutzende von ihnen reichten Anträge auf Selbstverwirklichung entlang der Einfallsstraße vom Flughafen ein und gestalteten hunderte Meter Mauern bunt.

Zu dem Zeitpunkt war von Justin Bibers Werk allerdings schon lange nichts mehr zu sehen. Gleich nachdem Sänger, Medien und Polizei abgezogen waren, machten sich ein paar Künstler daran, das Mauerstück komplett neu zu gestalten. Mit dieser schönen Geschichte geht zwar der Graffiti-Rundgang zu Ende, aber nicht unsere Touren durch die Megastadt. Dort gibt es extrem viel zu sehen, von ganz verschiedenen Vierteln über Kirchen, Museen, …. bis hinauf zum Monzerrate, einem ehemaligen Kloster und jetzigen Aussichtspunkt, noch einmal 510 Höhenmeter über der sowieso schon 2640 Meter hoch gelegenen Großstadt. Dort hoch zu fahren, mit der Seilbahn, hat uns Anne dringend empfohlen, um eine Idee von der Ausdehnung Bogotás zu bekommen.

Ein Stückchen haben wir den jetzt. Und Anne hat auch viel mit unserer weiteren Tour durch die Orte und Naturschönheiten Kolumbien zu tun: Kurz vor ihrer Abreise für ein paar Wochen nach Dresden hat sie uns Tipps gegeben, die für Monate gereicht hätten. Das Land mit seinen offenen und freundlichen Bewohnern hat auch sonst viel für Reisende zu bieten, von Karibik über Regenwälder, Andengipfel, fruchtbare Täler und eine riesige Kaffeeregion bis hin zu Wüsten. Wir werden nach dem erfrischend kühlen Höhenklima in Bogotá als nächstes das Stück Amazonas ansteuern, dass im Dreiländereck mit Brasilien und Peru zu Kolumbien gehört.

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