Die Elemente wirken sich in Patagonien viel deutlicher aus als gewohnt – vor allem der allgegenwärtige Wind. Wenn der richtig aufdreht,  bläst er ganz leicht auch unsere Pläne über den Haufen.

Keine Frisur hat bei dem Wetter eine Chance.

Jeanette krallt sich an meiner Jacke fest.  Es geht zwar bergan, aber sie will sich nicht hochziehen lassen, eher um nicht umhergeschubst zu werden. Der stürmische Wind drückt uns so stark nach oben, dass wir uns gegen den Hang stemmen müssen. Der Weg zum Aussichtspunkt „Mirador Condor“ sollte eigentlich nur mittelschwer werden – da hatten wir in den vergangenen Tagen schon ganz andere Touren.

Jeanette stemmt sich kurz vorm Mirador gegen den Wind.

Kurz vorm Mirador, der uns einen etwas anderen Ausblick auf das beeindruckende Massiv der Torres del Paine ermöglichen soll, kurvt der steinige Weg durch eine Öffnung zwischen zwei Felsen durch – und danach ist Himmel. Vermutlich geht der Pfad erstmal ein Stück bergab. Genau das macht uns richtige Angst. Denn die Minischlucht zwischen den Steinen wirkt wie eine Düse und verstärkt den Wind so dolle, dass wir auch berghoch nicht mehr aufrecht gehen können. Selbst tief gebückt hat der Wind keine Mühe, uns vom Weg und in die dornigen Büsche zu wehen. Da nützt auch das aneinander festhalten rein gar nichts.

Der Windwarner am Wegesrand.

Wie stark muss Wind wehen, um Erwachsene einfach umzuwerfen? Wir tippen auf 80 -100 km/h. Nach zwei Bekanntschaften mit den sehr gut funktionierenden Stacheln und der Angst, einfach über die Kuppe geblasen zu werden, geben wir auf. Gegen den im Wortsinn atemberaubenden Sturm und die in unsere Gesichter gewehten Steine  kämpfen wir uns vorsichtig wieder runter.

Auf den Schreck haben wir uns echt einen Kaffee verdient – zumal der zum Frühstück gedachte ausgefallen ist, weil auch die Flammen des Gaskochers dem Wind kein Paroli bieten konnten. So finden wir uns am Kaffeeautomaten in der Rezeption eines nahen Zeltplatzes wieder. Mit Heißgetränk und von Doppelscheiben geschützt beobachten wir die sich verneigenden Bäume und die Gischtwolken, die über den azurblauen Lago Pehoé zwischen den Hügeln aufgewirbelt werden.

Schön angestrahlt: die schönen Torres.

Schon lange vorm verwehten Aussichtsversuch hat mich der Wind in seine Schranken gewiesen. Kurz nach 6 Uhr wollte ich vom ersten Sonnenlicht auf dem Torres-Massiv schöne Langzeitbelichtungen mit den ziehenden Wolken machen. Das Stativ aber konnte weder alleine stehen noch ließ es sich richtig festhalten. Mir blieb nur, mich mit der Knipse hinter einen 50 cm hohen Holzsteg zu kauern, damit trotz sehr kurzer Belichtungszeit halbwegs unverwackelte Bider rauskommen. Vor diesem Steg haben wir unseren Nachtstellplatz. Den zu finden, hat der Starkwind nicht gerade vereinfacht. Erst am dritten Platz in dieser fast baumlosen Steppenlandschaft steht der Camper (übrgens ein Chevrolet N400 Max) ruhig genug, um uns die Angst zu nehmen, er könnte in der Nacht umkippen.

Die Böen reichen für Gischtwolken auf kleinen Seen.

Zurück zum Kaffee in der Campingrezeption. Wir geben das Vorhaben auf, noch schön zu wandern. Aber wozu hat man ein Auto? Wir fahren kreuz und quer durch den Nationalpark zu Wasserfällen, Aussichten am Straßenrand (wo uns Hüte und Brillen der zerzausten und sich gegen Böen stemmenden Besucher entgegen fliegen), Lagunen, Seen – einen sogar mit Flamingos, Pässen über Hügel in denen Guancos rumlaufen, die größten der Andenkamele. Sogar einen Condor erspähen wir durch die ihre Arbeit verrichtende Windschutzscheibe. Ziel ist ein Parkplatz ganz nahe an den Torres, den drei einzeln stehenden riesigen Felsnadeln. Zu den planen wir für den nächsten Morgen eine lange (hin und zurück 8 Stunden) und steile (insgesamt 900 Meter hoch und alles wieder runter) Wanderung. Diese Tour, die nicht umsonst eine der beliebtesten in Chile ist, verweht uns der Wind hoffentlich nicht.

Der Laptop streikt immer noch und der Text hier ist am Handy getippt. Alle Fotos sind auch mit dem Telefon aufgenommen (das zur Info für Carl & Silke).

 

 

3 Kommentare

  1. Ihr Lieben,
    da werden Erinnerungen wach 🙂
    Vielen Dank das ihr uns auf eure Reise mitnehmt, wir genießen die Berichte und die tollen Bilder, und wir freuen uns schon sehr auf „unseren“ Pisco Sour!!
    Drücken euch die Daumen das die Hardware bald wieder einsatzbereit ist, aber mit Handy gehts ja auch wie wir sehen.
    Habt eine erlebnisreiche, wundervolle Zeit und sammelt viele schöne Erinnerungen.
    Seid herzlichst gegrüßt, Melanie und Paul

  2. Wow, echt beeindruckend. Sowohl die Landschaft samt Sturm als auch die gute Qualität der „einfachen“ Handybilder. Also in dieser Größe absolut ausreichend!
    Wer hatte denn den Pfeil auf kurz vor rot gestellt? Gut dass ihr abgebrochen habt, klang echt gefährlich – sieht aber umwerfend aus 😉
    Weiterhin viel Spaß-und wenn das Laptop nicht tut genießt wie empfohlen die digitalreduzierte Zeit. Und passt bloß auf, dass ihr nicht fortfliegt.
    toitoitoi

  3. Auch wir erinnern uns an die Zeit als wir im Paine NP waren. Es ist irre beeindrucken wieder so herrliche Bilder zu sehen. Genießt die Zeit am anderen Ende der Welt und hoffentlich lässt der Sturm nach, sonst wird es mit dem Fahren auf den baumlosen Straßen zu einer Herausforderung.

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